Sie sehen diese Seite bereits auf deutsch deutsch / English version english
Promotionsverbund "Dimensionen der Ambiguität"

Gebärdenkodes. Die Gebärde als rhetorisches Element in der kommunikativen Interaktion.
Körperliche Stummformen in Pantomime, commedia dell'arte, Ballett, Theater und Stummfilm.

Nikola Gisela Wiegeler, M.A.

Die ‚klassische’ Notation für Texte lässt diese in der kommunikativen Interaktion lautlich erscheinen: Der Vokaltrakt wird zur Äußerung bemüht. Wie aber sieht es für Äußerungen in körperlicher Stummform aus? Diese Frage möchte ich mit meinem Promotionsvorhaben für den Fall der Kunstkommunikation stellen: Untersucht werden die körperlichen Stummformen der kommunikativen Interaktion in Pantomime, commedia dell’arte, Ballett, Theater und besonders Stummfilm. Andere gebärdete Ausdruckssysteme, wie die Gebärdensprache der Gehörlosen, die Monatische Zeichensprache, die Gebärden der Neapolitaner und Indigenous Signed Languages, sind als Forschungsgegenstand bereits seit Längerem mit ertragreichen Ergebnissen in der Diskussion: Sie konnten als der Vokalsprache verwandte visuelle Sprachsysteme identifiziert werden. In Anlehnung an das wohl am stärksten kodierte lautlose bewegte Ausdruckssystem – die Gebärdensprache Gehörloser – soll mit Gebärde allgemein die kodierte Äußerungseinheit von Texten in körperlicher Stummform bezeichnet werden. Angesichts der Uneinheitlichkeit im Begriffsgebrauch von >Gebärde< und >Geste< ist ‚Gebärde’ für die kommunikative Interaktion aber zunächst noch eindeutig zu definieren und auch von den Phänomenen der sog. Nonverbalen Kommunikation zu unterscheiden.

Allen weiteren Betrachtungen steht die Ausgangsthese voran: Aller Ausdruck eines jeden Kunstkommunikates ist bedacht; nichts wird dem Zufall überlassen, auch nicht das lautlose Auftreten. Erfolgversprechendes wird selektiert und kombiniert, mithin in semiotisch bedeutsame Mitteilungen bzw. Texte in kommunikativer Absicht überführt. Um dies tun zu können, muss es ein bestimmtes Inventar und Regelsystem, kurz: einen Kode geben. Insofern sich die Teilnehmer der medialen Ausdrucksmöglichkeiten des Körpers in Stummform bedienen, müssen demzufolge auch für die Kunstkommunikation Gebärdenkodes, lautlose bewegte human-korporale Ausdruckssysteme, zur Verfügung stehen. Wie lassen sich diese aber klassifizieren? Sind sie idiosynkratisch, d.h. werden die Gebärden dem Ausdruckssystem eines Einzelnen folgend gebraucht, oder sind sie über-individuell (stark) kodiert, kann also z.B. objektiv über vitia und virtutes ihres Einsatzes befunden werden? Diesen Fragen kann insbesondere mit der empirischen Arbeit an ausgewählten Stummfilmen begegnet werden: Am Ende der Bemühungen soll ein exemplarisches Gebärden-Archiv stehen (ähnlich dem Pathosformel-Vorhaben A. Warburgs), welches für einen idiosynkratischen Gebärdenkode der Stummfilmschauspieler spricht, oder gegen ihn und für einen über-individuellen Gebärdenkode.

© Universität Tübingen | Impressum | Letzte Aktualisierung: 25.02.2009