Das Dissertationsprojekt befasst sich mit dem Phänomen der Mehrdeutigkeit in der bildsprachlichen Kommunikation, genauer in der Fotografie. Mittels Ambiguität als Fragehorizont soll das rhetorisch kommunikative Potential von bildsprachlichen Botschaften ausgelotet werden und Strategien zur Vermeidung, aber auch zur gezielten Erzeugung von Mehrdeutigkeit ausgearbeitet werden.
Seit dem viel beschworenen 'pictorical turn' steht außer Frage, dass Bildern in der alltäglichen Kommunikation eine immer größere Rolle zukommt. Wenn aber dieser Wandel von der Verbalsprache hin zum Bild ausgerufen wird, dann ist damit auch impliziert, dass mittels Bildern kommunikative Akte, vergleichbar mit denen der Verbalsprache, vollzogen werden können. Doch inwiefern trifft dies zu? Bilder scheinen mehr noch als verbalsprachliche Texte unterschiedliche Auslegungen zu begünstigen. Sie seien von einer "gewissen Ambiguität erfüllt" (Eco) und gelten als äußerst kontext-affin. Es stellt sich also die Frage, inwiefern überhaupt Botschaften in Fotografien erzeugt werden können, die von unterschiedlichen Adressaten in gewünschter Weise verstanden werden und somit auch rhetorisch relevant werden. In der Dissertation geht es somit zum einen um die spezielle Fragen, ob und wie Persuasion mittels Fotografie möglich ist und zum anderen um die grundsätzlichen Fragen, was und wie mit Fotografien kommuniziert werden kann. Das gezielte Implementieren von Mehrdeutigkeiten und Disambiguierungsstrategien sind dabei leitmotivische Kernfragen: Persuasion mit Fotografie ist nur dann möglich, wenn der Bildermacher das Bedeutungspotential seiner Bildtexte kontrollieren kann, also unerwünschte Ambiguitäten auszusschließen und erwünschte Mehrdeutigkeiten aufzurufen weiß.
Als Korpus dient der Arbeit das Werk des US-amerikanischen Fotografen James Nachtwey. Dies erweist sich als vielversprechend, da Nachtwey zum einen ein klar formuliertes Kommunikationsziel hat, also eine Botschaft in seinen Bildern verankern möchte, die seinen Adressaten auch in eben dieser Form erreichen soll (im Gegensatz etwa zur reinen Kunstfotografie, die sich vielleicht gerade in dem unendlichen Spiel unterschiedlicher Bedeutungen ergehen mag). Zum anderen weisen Nachtweys von einem journalistischen Impetus getragene Fotografien offene Anschlussstellen und Mehrdeutigkeiten auf, die bisweilen außerhalb seines Kommunikationsziels liegen, manchmal aber auch mit diesem in Konkurrenz treten. Auch hält er seine Bildtexturen oft an gewissen Punkten offen, so dass die Botschaft auch innerhalb verschiedener Kontextualisierungszusammenhänge konstant zu bleiben scheint.