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Promotionsverbund "Dimensionen der Ambiguität"

Forschungsprogramm

Zur Verbesserung der Übersichtlichkeit sind die einzelnen, dem Promotionsverbund zugrunde liegenden Teile im Folgenden aufgelistet und verlinkt

Stand der Forschung

Ambiguität ist ein Phänomen von Sprache und Kommunikation, mit dem sich Linguistik und Literaturwissenschaft gleichermaßen beschäftigen. Man kann sogar so weit gehen, zu sagen, dass in beiden Disziplinen Ambiguität als ausgesprochen produktives Element des Untersuchungs­gegenstands erscheint und damit besondere Aufmerksamkeit weckt. Hier hört aber überraschender Weise die Gemeinsamkeit meist schon auf. Bei näherer Betrachtung stellt sich nämlich heraus, dass Linguistik und Literaturwissenschaft in der Regel völlig konträre Konzepte von Mehrdeutigkeit verfolgen, insbesondere was ihre Produktivität anlangt.

Für die Linguistik waren Phänomene der Ambiguität im Hinblick auf das Sprachsystem und die Sprachverwendung bislang nicht zuletzt deshalb interessant, weil sie Kräfte freisetzen, die tendenziell zur Eindeutigkeit führen. Dieses Prinzip der sogenannten „Disambiguierung“ ist innerhalb der linguistischen Theoriebildung immer auf ein abstraktes Beschreibungsmodell bezogen. Das Ziel der sprachwissenschaftlichen Analyse von Ambiguität besteht darin, Mehrdeutigkeiten, die in unterschiedlichen sprachlichen Datentypen (Wörter, Sätze, Texte) belegt sind, durch Disambiguierungsstrategien im Rahmen eines Grammatikmodells mittels feinkörniger morphologischer, lexikalischer, syntaktischer, semantischer und pragmatischer Deskription eine eindeutige Repräsentation zuzuweisen. Ambiguität, charakterisiert durch die Auflösung der Symmetrie zwischen Ausdruck und Inhalt sprachlicher Zeichen, wie sie seit Saussure (Cours de linguistique générale, 1916) denknotwendig schien, ist auf allen Sprachebenen zu beobachten. Die Herausforderung für die linguistische Analyse besteht darin, die Disambiguierungsstrategien auf immer komplexere sprachliche Strukturen anzuwenden.

Das Bestreben, Mehrdeutigkeiten aufzulösen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Sprachwissenschaft. Bereits Aristoteles geht mehrfach auf das Konzept der Homonymie ein (Aristoteles, Kategorien/Lehre vom Satz, ed. Rolfes, 1958, 43), mit dem Ziel, die Lautabfolge (Namen) von dem Wesen des Beschriebenen zu unterscheiden. Die Disambiguierung spielt auch bei der Gliederung der Information auf Satzebene eine zentrale Rolle. H. Paul (Prinzipien der Sprachgeschichte, 1880) konnte anhand der Korrelation zwischen Intonation und Bedeutung innerhalb des Satzes Karl fährt morgen nach Berlin, zeigen, dass kurze Texte durch die Strategie von impliziten Fragen disambiguiert werden können. Die Disambiguierung unter Berücksichtung funktionaler Begriffspaare, so wie Thema/Rhema, Topic/Kommentar, Fokus/Hintergrund, sind eng an die Phonologie und die Segmentierung des Satzes gebunden, wie dies in späteren Arbeiten der Prager Schule (Mathesius, „Functional Linguistics“, 1929), der Weiterentwicklungen in der Britischen Schule (Halliday; Explorations in the Functions of Language, 1972) und den neueren Arbeiten zur Informationsstruktur (Molnár/Winkler, The Architecture of Focus, 2006; Schwabe/Winkler, Information Structure, Meaning and Form, 2007) deutlich wird.

Die frühen Strömungen funktionaler und textorientierter Linguistik wurden durch den taxonomischen Strukturalismus, der im Kern empirisch ausgerichtet war, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgedrängt. Durch die behavioristisch Herangehensweise wurden Bedeutungsphänomene der Sprache vernachlässigt (Bloomfield, Language, 1935, 20). Der Strukturalismus wurde von dem neuen Paradigma der generativen Grammatik abgelöst, das auf dem Konzept der internalisierten Grammatik des kompetenten Sprechers basiert und eine rationalistisch geprägte Theorie darstellt. Mit diesem Paradigmenwechsel geht eine Veränderung der Ziele in der Grammatiktheorie einher. Die Bedeutung und die Interpretation eines Satzes rückt wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wird aber gleichzeitig an das Konzept der sprachlichen Repräsentation auf einer bestimmten Sprachebene innerhalb eines klar definierten Grammatikmodells geknüpft: „Um einen Satz zu verstehen, ist es ... notwendig, zuerst seine Analyse auf jeder sprachlichen Ebene zu rekonstruieren ... .“ (Chomsky, Syntactic Structures, 1957, 103f). Das Prinzip der Disambiguierung ist, wie es aus diesem Zitat hervorgeht, unmittelbar an die Rekonstruktion der Sprache auf einer eigenen bedeutungstragenden Ebene geknüpft und zieht einen formalistischen Umgang mit Sprache nach sich. Weitreichende Weiterentwicklungen im Bereich der Syntax im Zusammenspiel mit kognitiven Ansätzen wurden in der letzten Dekade von Arbeiten wie Culicover/Jackendoff, Simpler Syntax, 2005, geleistet.

In der lexikalischen Semantik geht es um den Problemkreis der Polysemie. Monosemische Ansätze, insbesondere strukturalistischer Provenienz (z.B. Geckeler, Zur Wortfeldiskussion, 1971; Picoche, Structures sémantiques du lexique français, 1986) versuchen, die Ambiguität entweder in den Bereich des Kontingenz (Homonymie) oder in den des Diskurses abzudrängen, während logisch-semantische (Pinkal, Logik und Lexikon, 1985) bzw. kognitive Ansätze (Croft/Cruse, Cognitive Linguistics, 2004) graduelle bzw. kontinuale Abstufungen von Ambiguitätstypen entwickeln, die am unteren Ende der Skala bis zu feinsten Sinneffekten im Diskurs reichen. Das Prinzip der Disambiguierung prägt denn auch die vielfältigen Forschungstraditionen der Semantik-Pragmatik Schnittstelle (Grice, Meaning , 1957, Sperber/Wilson Relevance, 1995; Levinson, Presumptive Meanings, 2000). Sogar in literarischen Texten wird die Disambiguierung bewusst gemacht, wie die folgende Textpassage zeigt, in der eine potentiell mehrdeutige Lesart vom König durch die Paraphrase der nicht naheliegenden Lesart aufgelöst wird: “‘I see nobody on the road,’ said Alice. ‘I only wish I had such eyes,’ the King remarked in a fretful tone. ‘To be able to see Nobody! And at that distance too!’” (Lewis Carroll, Through the Looking-Glass , 1872). Die Auflösung potentiell mehrdeutiger sprachlicher Ausdrücke stellt ein zentrales Motiv der unterschiedlichen Strömungen der sprachwissenschaftlichen Forschung dar.

In der Literaturwissenschaft ist es in der Regel genau umgekehrt: Mehrdeutigkeit wird hier nicht deshalb als produktiv angesehen, weil sie Disambiguierungsprozesse auslöst, sondern weil sie Bedeutungsprozesse generiert, die einen Gegenstand oder Sachverhalt in immer größerer Komplexität vor Augen führen. Dies geht hin bis zur Demonstration prinzipieller epis­temischer Unentscheidbarkeit als einer Hauptfunktion literarischer Texte. Ihr primärer Wirklichkeitsbezug besteht damit in der Darstellung des stets nur illusionären Charakters von Entscheidbarkeit. Disambiguierung (oder eine „eindeutige“ Interpretation) ist, diesem Konzept folgend, seit einigen Jahrzehnten ausgesprochen verpönt, u.a. weil sie der Literatur nach der Infragestellung ihrer mimetischen Funktion eines ihrer letzten Definitionsmerkmale nehmen würde.

Damit folgt die Literaturwissenschaft einem erkenntnistheoretischen Modell, das geprägt ist durch die Platonische Unterscheidung zwischen Dingen und Vorstellungen, die in ihrer Bezeichnung „homonym“ aber keineswegs identisch sind. In dieser Perspektive wird Ambiguität weiter gefasst als jegliche Bedeutungsdifferenz, die mit Vorgängen des Bezeichnens und Verstehens verbunden ist. Im 20. Jahrhundert war es vor allem Empson (Seven Types of Ambiguity, 1931/1953), der diese weit gefasste Ambiguitätskonzeption auf die Literatur angewandt hat. Für Empson bedeutet Ambiguität alles, was zu einer unterschiedlichen Reaktion auf dasselbe „piece of language“ führt. Konsequenterweise wurde sein gleich­zeitiger Versuch der Kategorisierung („seven types“) in der Folgezeit als theoretisch inadäquat kritisiert (vgl. Bode, Ästhetik der Ambiguität, 1988) und insbesondere im Zuge der post­strukturalistischen Literatur- und Erkenntnistheorie (Perloff, The Poetics of Indeter­minancy, 1981) durch den schon von Nietzsche vorgetragenen fundamentalen Zweifel an „eigentlichen Bedeutungen“ in der Sprache ausgehebelt. Literarische Sprache zeichnet sich dadurch aus, dass sie (cf. Lotman, Jakobsohn, Barthes) diese grundlegende Tatsache durch ihre Selbstbezüglichkeit exponiert. Dabei erscheint die Ambiguität als allgemeines Definitionsmerkmal aber auch als Merkmal bestimmter Epochen und Entwicklungen, insbesondere der Moderne (Eco, Opera aperta, 1967).

Während in dieser Perspektive die grundsätzliche Beschaffenheit literarischer Texte (bzw. literarischer Sprache) im Lichte einer bestimmten Erkenntnistheorie reflektiert wird, hat auch die Ambiguität als Gestaltungs­merkmal von Texten (d.h. im weiteren Sinne als Stilmittel) in der Literaturwissenschaft seit jeher Beachtung gefunden. Da es hier um die Ambiguität in der Kommunikation geht, ist dieser Ansatz der Rhetorik geschuldet, in der sie klassischerweise (u.a. bei Quintilian) vor allem als Fehler aufgefasst wird. Das Streben nach Klarheit (perspicuitas) geht mit der Vermeidung von Dunkelheit (obscuritas) einher. Daneben kennt die Rhetorik aber natürlich auch die beabsichtigte Mehrdeutigkeit, z.B. im Dienste des Sophismus oder des Witzes oder bestimmter religiöser, ökonomischer, politischer und juristischer Wirkabsichten. Im Sinne einer bestimmten Wirkung sind mehrdeutige Orakel, Werbesprüche, Formel­kompromisse, geistreiche puns usw. notwendig und erwünscht. Alle diese Strategien finden sich auch in literarischen Texten und sind damit Gegenstand literaturwissenschaftlicher Untersuchung. Von besonderem Interesse im Hinblick auf das geplante Vorhaben sind dabei solche Studien, die konkrete Mehrdeutigkeitsphänomene im Text im Hinblick auf seine Gesamtaussage und Wirkung untersuchen. Dies geschieht im Hinblick auf die Lyrik (z.B. Bauer, „Paronomasia celata“, 1995), aber auch auf die Erzählprosa und das Drama. Zu nennen ist hier die Studie von Rimmon über Henry James (The Concept of Ambiguity, 1977), in der allerdings ein sehr enger Ambiguitätsbegriff gewählt wird: es geht Rimmon nur um die Kopräsenz sich gegenseitig völlig ausschließender Bedeutungen. Eine solche narrative Ambiguität setzt ein hohes Maß von Stilisierung voraus, die dem Text eine Aura der Künstlichkeit verleiht. Demgegenüber verfolgt z.B. Mittelbach in seiner Studie über Ambiguität als Darstellungs­prinzip bei Shakespeare (Die Kunst des Widerspruchs, 2003) ein dem Modell des Paradoxons verpflichtetes Ambiguitätskonzept, das eine Auflösung des Widerspruchs zwischen gleichzeitig vermittelten Bedeutungen auf höherer Ebene zumindest nicht ausschließt. Hier könnte man, ebenso wie bei Konzepten literarischer Mehrdeutigkeit, die keinen Widerspruch voraussetzen, von der Eröffnung einer gewissen Disambiguierungs­möglichkeit ausgehen. Diese hat aber, so scheint es, nichts gemein mit dem, was in der Linguistik darunter verstanden wird, denn es geht ja um die Produktivkraft der Ambiguität für eine über­geordnete Sinnkonstitution, nicht um ihre Auflösung. Lesen Sie mehr über die Vorhabenbeschreibung und die Ziele des Programmes