An dieser Stelle werden die Projekte und deren aktueller Forschungsstand kurz vorgestellt, nachdem die Bewerbungsfrist abgelaufen ist und die Entscheidung über die zu fördernden Vorschläge getroffen wurde.
Bis dahin sind hier schon mal einige Vorschläge
Vorbemerkung:
Die hier genannten Themen sind Arbeitsbereiche, innnerhalb derer die konkreten Promotionsvorhaben näher definiert werden sollen. Die konkreten Dissertationsvorhaben finden sich dann unter der entsprechenden Arbeitsbereichen. Eine weitere Verlinkung erfolgt, wenn die Arbeiten weiter gereift sind.
Das Wortspiel ist ein klassisches Feld der Ambiguität und zugleich ein Paradigma der Gemeinsamkeit von Linguistik, Rhetorik und Literaturwissenschaft. Im Rahmen des Promotionsverbundes wird es vornehmlich darum gehen, anhand konkreter Texte Konzeptionen und Theorien des Spiels (z.B. Huizinga, Homo ludens, 1949; Spariosu, Literature, Mimesis and Play, 1982; Iser, The Fictive and the Imaginary, 1993) für eine Analyse von Ambiguitätsphänomenen fruchtbar zu machen. Dabei kann die oben skizzierte Doppelbewegung von Ambiguität und Disambiguierung in exemplarischer Weise untersucht werden: In literaturwissenschaftlicher Hinsicht ist von besonderem Interesse, dass die Selbstbezüglichkeit der Zeichen in der Spieldimension eines Textes zugleich vorgefunden und transzendiert wird, denn diese ist stets auch als Mimesis menschlicher Aktivität und Lebenswirklichkeit zu begreifen. Texte wie Edward Lears Book of Nonsense machen dies ebenso deutlich wie die experimentelle language poetry des späten 20. Jahrhunderts oder barocke Figurengedichte. Umgekehrt kann die Einbeziehung der Dimension des Spiels in linguistische Fragestellungen z.B. dazu dienen, die Relation von Homonymie und Polysemie, alternative Interpretationen syntaktischer Oberflächen und die Indirektheit von Sprechakten zu reflektieren.
Während literarische Ambiguität bisher meist entweder auf der Ebene rhetorischer Elemente der Textgestaltung (z.B. in Relation zu Pun, Paronomasie etc.) oder auf der Ebene der Vieldeutigkeit und Hermetik des Textes insgesamt untersucht wurde, ist die Rolle der Mehrdeutigkeit bei der Konstruktion von Handlungen relativ unerforscht. Diese ist jedoch insbesondere für die Konstitution bestimmter Gattungen essentiell. Ein Beispiel ist die Tragikomödie, die sich als hybride Verbindung von Handlungselementen bestimmen lässt. Seit der frühen Neuzeit (und hier ist insbesondere die europäische Diskussion über Guarinis Il Pastor fido zu nennen) steht dabei die Frage im Mittelpunkt, ob es sich um eine bloße Addition von Elementen der Tragödie und Komödie handelt oder ob die Tragikomödie als Mischform etwas qualitativ anderes darstellt. Zwar scheint eine allgemeingültige Antwort auf diese Frage unmöglich, doch zeigt allein die Existenz dieser Diskussion den mehrdeutigen Charakter der Gattung: bestimmte Handlungsmuster werden evoziert und zugleich konterkariert. So kann der Tod einer wichtigen Figur, ein traditionell der Tragödie vorbehaltenes Handlungselement, in einer Weise präsentiert werden, dass er entweder selbst zweifelhaft ist oder aber als nicht-tragisch erscheint.
Ein anderes Gattungsbeispiel ist der Detektivroman, in dem Zeichendeutungsprozesse vorgeführt werden, d.h. in dem der Leser einerseits selbst mehrdeutige Zeichen präsentiert bekommt, aus denen er eine Handlung konstruieren muss, und in dem er andererseits mit der Disambiguierung dieser Zeichen durch die Figur des Detektivs konfrontiert ist. In beiden Gattungen wäre die Bedeutung lexikalischer und syntaktischer Ambiguität für die Konstruktion mehrdeutiger Handlungen zu untersuchen. Im Vordergrund steht also die Frage, in welchem Verhältnis sprachliche Ambiguitäten auf der Ebene der Gattung und des individuellen Diskurses zueinander und zur lexikalisch-semantischen und syntaktischen Ambiguität im Bereich der Einzelsprache und der universalen Ebene des Sprechens stehen.
Eine der zentralen und innovativen Fragestellungen dieses Promotionsverbundes besteht darin, die Erzeugung von Ambiguität als eine Quelle sprachlicher Innovation und damit letztlich auch von Sprachwandel zu sehen und dabei einerseits die pragmatischen Bedingungen, andererseits die semantisch-kognitiven Brücken zu explizieren, die solche Prozesse ermöglichen. Damit eröffnen sich neue Felder der diachronischen linguistischen Forschung bzw. es fällt ein völlig neues Licht auf altbekannte Phänomene.
Ein Bereich, in dem Ambiguität zum Problem des Sprachwandels aber auch der synchronischen Organisation der Lexik wird, betrifft die Bezeichnung der Kategorien existenz und lokalisierung. Wer hätte nicht schon aus dem Munde eines Franzosen, der gut, aber nicht sehr gut Deutsch spricht, Sätze wie Da unten am Fluss gibt es ein Haus (statt ... ist/steht ein Haus) gehört. Im Französischen, wie in sehr vielen Sprachen der Welt, werden existenz und lokalisierung (mit rhematischem Locatum) durch denselben Ausdruck (il y a) versprachlicht. Die Frage, die sich nun stellt, ist die, ob dies nur durch die Brille der Sprecher des Deutschen als Ambiguität/Polysemie erscheint (und im Französischen Ununterscheidbarkeit darstellt) oder ob auch im Französischen (und vergleichbaren Sprachen) Ambiguität und Polysemie vorliegt. Dies sollte anhand eines breiten Sprachvergleichs innerhalb der Romania (mit Blick auf andere Sprachen) untersucht werden, einerseits synchronisch anhand von Korpusdaten und psycholinguistischen Tests, andererseits diachronisch anhand von Longitudinaluntersuchungen an Texten vergangener Sprachzustände. Einzubeziehen sind nicht nur die Grundverben der existenz und lokalisierung, sondern auch komplexere Ausdrucksalternativen (z.T. 'inakkusativische' Verben), wie sie sich nicht zuletzt in literarischen Texten finden (fr. Sur la colline se dressait un château ; Les insectes pullulent autour de la maison).
Ein weiterer möglicher Themenbereich betrifft die in allen Sprachen der Welt weit verbreiteten "Umkonzeptualisierungen", bei denen - wie in einem Vexierbild - bestimmte Gegenstände einerseits als kompakte Einheiten, andererseits als intern gegliederte Kollektiva bzw. Zweiheiten erscheinen (cf. z.B. lat. intestinum, n.Sg., neben intestina, n.Pl., 'Darm'; fr. (veraltet) poumon neben (modern) poumons 'beide Lungenflügel'). Nur ein Anschauungsbeispiel, das aber noch nie in dieser Perspektive gesehen wurde, ist die Problematik der lat. Neutra, die romanischen Feminia werden (lat. folium n. 'Blatt' --> fr. feuille f. 'Blatt'). Eine besondere Herausforderung besteht in diesem Fall darin, dass 'Ambiguität' nicht nur, wie üblich, im semasiologischen Sinne für 'zwei Bedeutungen eines Wortes' steht, sondern auch - onomasiologisch - für 'zwei Sichtweisen eines Gegenstandes' (mit entsprechender Differenzierung im sprachlichen Ausdruck).
Das Ziel des Dissertationsprojekts besteht darin, anhand einzelner exemplarisch ausgewählter kohärenz-stiftender sprachlicher Mittel (z.B. Referenz, Ökonomisierung, Fokussierung), die Hypothese zu überprüfen, dass gerade diejenigen sprachlichen Mittel, die bekanntermaßen eingesetzt werden, um Kohärenz in Dialogen, Reden und Texten herzustellen, in der Umkehrung Ambiguität auslösen können. Diese Kohärenz-Ambiguitätshypothese geht von der Beobachtung aus, dass referentielle Ausdrücke (wie Pronomen, Deixis, Proformen), Ökonomisierungsstrategien (wie der Einsatz von Ellipsen, Fragmenten, reduzierten Konstruktionen) und Fokussierungsstrategien (wie die Verwendung von Betonung und Kontrast, paralleler Konstruktionen, Polarität) auf unterschiedliche Weise Ambiguitäten auslösen können. Dies liegt insbesondere an zwei Faktoren: Zum einen lösen die Verwendung funktionaler Kategorien und die Reduktion Interpretationsprozesse aus, zum anderen unterliegen Ökonomisierungs- und Fokussierungsstrategien in Dialog, Rede und Text einem dynamischen Prozess der erneuten Konstruktion und Rekonstruktion von Diskursreferenten, wie dies an dem folgenden Beispiel deutlich gemacht wird:
"Our enemies are innovative and resourceful, and so are we. They never stop thinking about new ways to harm our country and our people, and neither do we." (G. W. Bush, 08-05-2004)
Die Kombination von kontrast-markierenden parallelen Konstruktionen mit unterschiedlichen Formen von Proformen und Auslassungen führt zu einer Ambiguität, die den Hörer anregt, nach einer alternativen Lösung zu suchen. Wie exemplarisch illustriert, berücksichtigt die Untersuchung syntaktische, semantische, prosodische und pragmatische Lizensierungsbedingungen von kohärenz-herstellenden sprachlichen Mitteln in Abhängigkeit von der informationsstrukturellen Gliederung der sprachlichen Äußerungen. Sie wird von einer systematischen Auswertung schriftlicher (literarische Texte, Korpora) sowie mündlicher Daten (Reden, gesprochene Texte, Interviews) begleitet. Das Forschungsziel besteht in einem besseren Verständnis der Form-Bedeutungs-Korrespondenz kohärenz-stiftender sprachlicher Mittel und der Erklärung ihrer ambiguitätsauslösenden Funktion im Diskurs. Eine zentrale übergeordnete Fragestellung, die sich direkt aus dem hier beantragten Promotionsverbund ergibt, besteht darin, wie Weltwissen und die Konstruktion fiktionaler Ereignisse sprachliche Interpretationsprozesse beeinflussen. Zur Präzisierung dieser Prozesse sollen Methoden aus der Rhetorik, der Literaturwissenschaft und der Linguistik herangezogen werden.